Samstag, 22. September 2007 23:59
Christian und ich gingen heute shoppen. Erstes Ziel war der Vishal Market, einerseits weil man dort recht günstig einkaufen kann und ziemlich alles kriegt, andererseits weil ich gehört habe, dass man bei Quittungsbeträgen von über 1′500 Rupien (~CHF 50.-) einen Gratisflug für ein beliebiges Ziel in ganz Indien erhält, bei über 2′500 Rupien ist auch der Rückflug inbegriffen.
Also haben wir die Einkaufswagen ordentlich gefüllt, auch wenn es nicht immer so einfach war: die Kissenabteilung sah aus wie nach einem Erdbeben, zum Regal zu kommen war ähnlich wie durch Tiefschnee laufen.
Im Nachhinein wurde mir bewusst, wie arrogant ich doch eigentlich geworden bin. An der Kasse schaute ich neidisch zur anderen Kasse hinüber, wo (natürlich!) ein Angestellter das Ein- und Auspacken für Christian übernahm. “Hey, ich habe gar keinen Einpacker!” rief ich entsetzt zu Christan. Nun, bei mir hat der Kassierer den Job übernommen. Ich habe ihm etwas dabei geholfen, denn das dünne 1.40m-Männchen hat mir Leid getan, vor allem als er die 7.5 Kg-Hanteln hochheben musste… .
Mit den Quittungen ging ich dann - einen Gratisflug erwartend - zum Kundendienst. Meine Erwartungshaltung ist wichtig für das Verständnis meiner Reaktion, als man mir vier schmuddelige T-Shirts angedreht hat. Wütend rief ich “T-Shirts?!? No, I want a flight!!!”. “Sorry, Sir, offer closed yesterday” war die Antwort. Aus der Traum vom Gratisflug zum Taj Mahal. Immerhin bin ich jetzt wieder mit tollen Lumpen eingedeckt. Meine Freundin wird sich freuen! 

Bücher soll man in der College Street zuhauf finden. Das wollten wir mal sehen. Die Vorstellung, dass sich dutzende Bücherläden an einer Strasse befinden, ist nicht ganz falsch - allerdings stellt man sich einen Bücherladen wohl etwas anders vor, als einfach ein Typ, der vor einem ragelvollen Bücherregal hockt und vor sich noch ein paar Haufen alter Schunken stehen hat. So muss man halt erklären, dass man ein Englisch-Bengalisch Lernbuch sucht.

Die College Street funktioniert ähnlich wie das Internet. An einem beliebigen Stand gibt man quasi einen Suchbegriff ein. Der Betreiber schickt dann einen “Agenten” los, der die weiteren Läden durchkämmt und nach einigen Augenblicken mit einem “Suchergebnis” zurück kommt. Wenig überraschend ist somit eigentlich, dass eine andere “Suchmaschine” das gleiche Ergebnis wie vorher liefert. Ein Fifth-Hand Buch hat uns regelrecht verfolgt. Immerhin hat die letzte “Suchmaschine” zwei ziemlich gute Treffer ausgespuckt.
Ich habe mich schon oft gefragt, wie sich Einheimische teure Elektronikgeräte wie Handys leisten können, denn für solche Artikel zahlt man normalerweise schweizerische Preise. Das Rätsel haben wir nun auch gelöst. Es gibt eine Strasse, die so quasi einem indischen Media Markt entspricht. Wie sie wirklich heisst, weiss ich gar nicht (ev. Chandni Chawk Street?) - ich hab sie mal McGyver-Strasse getauft. Diese Strasse ist der Traum eines jeden Heimbastlers! Da reihen sich Stand an Stand und Elektronik-Teile gibt’s im Überfluss. Mainboards von ausgeschlachteten Computern, Transistoren, Fernsehgeräte, Radios aus Weltkriegszeiten, CD-Roms, DVD-Player und haufenweise Handys! Alles im besten Fall aus zweiter Hand.

Man kann den Leuten auch gleich zusehen, wie sie Radios aufschrauben oder an irgendwelchen nackten Schaltkreisen herumlöten. Fehlt einem dieser Techniker mal eine Diode - kein Problem, drei Stände weiter kann er sie gegen einen Kondensator eintauschen. Ich bin überzeugt, die bringen wirklich alles wieder zum Laufen - jetzt weiss ich, wie Indien zur Atommacht aufgestiegen ist!
Ich glaube, ich muss denen mal meine neu gekaufte (im Vishal Market) Nachttischlampe bringen - die hat nämlich gar keinen Schalter zum ein- und ausschalten (nicht so schlimm, die Steckdose neben meinem Bett hat eh noch keinen Saft). Wahrscheinlich könnte ich mit dieser Pfunzel danach sogar telefonieren. 