Nandigram
Ein Dorf wehrt sich
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| Nandigram,
14. März 2007: Es war nicht das erste Mal, dass Staatsmacht und ziviler,
gewaltsamer Ungehorsam bezüglich den neu geplanten Sonderwirtschaftszonen aufeinander
kollidierten. |
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"Blutbad",
"Massaker", "Staatlicher Terror" so wird der auch als mittlerweile
"Black Wednesday" betitelte 14. März des Jahres von indischen, als auch
internationalen Medien bezeichnet. Es war nicht das erste Mal, dass
Staatsmacht und ziviler, gewaltsamer Ungehorsam bezüglich den neu
geplanten Sonderwirtschaftszonen aufeinander kollidierten. Doch gerade
das Paradoxon einer gewählten kommunistischen Linksregierung mit ihrer
jedoch sehr liberalen kapital- und investitionsfördernden
Wirtschaftspolitik könnten die jüngsten Vorfälle im Bundesstaat West
Bengalen bedingt haben.
Mindestens 14 Menschen kamen ums Leben, als die kommunistische
Landesregierung ein 4000 Mann starkes Polizeikontingent einsetzte, um
die Autorität der Regierung in der Umgebung von Nandigram
wiederherzustellen. Der Einsatz scharfer Munition gegen die
Demonstranten spiegelt einen traurigen Höhepunkt der 30jährigen
ununterbrochenen Amtszeit durch die Linksfront wieder. Angaben über die
Gesamtzahl weiterer Verletzte und kritisch Verwundeter sind schwierig
zu erhalten. So werden je nach politischem Gusto von bis zu 200
Verwundeten und weiteren Vermissten berichtet. Bereits im Januar
starben bei ähnlichen Auseinandersetzungen fünf Demonstranten und ein
Polizist. Doch die Stadt rückt jenseits von 12, 30 oder gar 50
verlorenen Menschenleben aufgrund der politischen und wirtschaftlichen
Tragweite mehr und mehr in den Mittelpunkt des nationalen Geschehens.
Nandigram, eine sehr provinzielle Stadt 150 km südwestlich des
Landeshauptsitzes Kolkata, ist seit Ende des letzten Jahres bereits
Krisengebiet. Im Delta des Haldi Flusses liegt es auf der anderen Seite
der Stadt Haldia und hat von dessen industriellen Aufschwung (Tata,
Hindustan Lever, Indian Oil) nur wenig abbekommen. Im Vergleich noch
unterentwickelt, bilden der Agrarsektor und die Fischzucht das Rückgrat
der Wirtschaft. Eine bäuerliche Mittelschicht und wesentlich ärmere
Tagelöhner stellen das Gros der Bevölkerung.
Die Communist Party of India - Marxists (CPM), hat wie in gesamt West
Bengalen, eine nicht nur dominierende, ja gerade in den
unterentwickelten Regionen, eine exklusive Stellung. Wie wohl in keinem
anderen Bundesstaat hat die Partei seit Machtantritt im Zuge mehrerer
Landreformen Kleinbauern gestärkt, und seit der Unabhängigkeit
bestehende aristokratische Landlords bekämpft. Wie wohl auch in keinem
anderen Staat wurde die Industrie und der Dienstleistungssektor
dermaßen in den Ruin getrieben, dass Ende der 90er Kolkata, damals noch
Calcutta, von westlichen Medien als einzig großes Moloch betitelt
wurde.
Der Personalwechsel im Amt des Chefministers im Jahr 2000 brachte nach
Jahrzehnten ein neues Gesicht ans Tageslicht. Mit 56 Jahren wehte ein
frischer Wind durch die alteingesessenen Zimmer des Politbureaus, und
tatsächlich, trotz beständiger kommunistischer Fahne, wurden
ausländische Investoren direkt durch die Landesregierung gelockt.
Kolkata gilt nach Bangalore als neues IT-Zentrum und 70% des
wirtschaftlichen Aufschwunges der Stadt gelten diesem Sektor. Und auch
Dienstleister im Finanz-, Telekommunikations- und Gesundheitssektor
beäugen die Stadt mit Wohlwollen.
Die Errichtung neuer Sonderwirtschaftszonen jedoch ist neben
westbengalischem Interesse von nationaler Bedeutung. In diesen Tagen
sind die drei Buchstaben "S-E-Z" im Munde aller, die was mit Politik zu
tun haben, jene die sie machen, jene die sie bekämpfen, jene die sie
ertragen und jene die einfach nur darüber reden. "Special Economic
Zones" sind keine indische Erfindung, auch wenn sie wohl, neben China,
in keinem Land der Welt mehr propagiert und soviel Hoffnung in ihnen
gesetzt werden.
In ähnlicher Weise wie Freihandelszonen, sind diese Gebiete besonderen
wirtschaftlichen Vergünstigungen ausgesetzt. Die ansässigen Firmen
profitieren durch niedrigere Einkommens- und Gewerbesteuern als im
restlichen Land. Exporte werden die ersten 5 Jahre nicht besteuert. Die
Zonen sollen über weitreichende eigene Infrastruktur verfügen, wie
Flughäfen, Häfen und Bahnhöfe. Ebenso werden von offizieller Seite
spezielle administrative Organe nur für diese Zonen verantwortlich
sein, damit Investoren nicht den üblichen langwierigen bürokratischen
Wirrwarr maroder indischer Amtsstuben durchleben müssen. Ebenso wären
Sondergerichte verantwortlich, Straftaten, welche in einer Zone
begangen werden, direkt zu verhandeln. "Lästige" Umweltregelungen und
Arbeitsgesetze würden lockerer gehandhabt. Ein Augenschmaus für
ausländische Unternehmen, die Billiglohnländer, gerne noch billiger
sehen.
Nach chinesischem Vorbild der 80er Jahre, wo Dörfer in blühende
Großstädte verwandelt wurden, agiert nun der südliche Nachbar. In den
letzten 10 Jahren zog Indien nicht mehr ausländische
Direktinvestitionen als China in nur 6 Monaten (ca. 23 Mrd. USD). Seit
Anfang des neuen Jahrtausends will Indiens Zentralregierung, mit
Unterstützung aller größeren Parteien, das Land voll setzen mit SEZs.
890000 Arbeitsplätze entständen nebenher.
Ein Problem: Freie Flächen gibt es in dem Milliardenstaat fast gar
nicht. Enteignungen sind nicht auszuschließen, doch während an einigen
Orten Kompensationszahlungen beim freiwilligen Abtreten Abhilfe
schaffen, ist in dem Fall Nandigram noch kein Kompromiss erreicht. Und
selbst wenn Zahlungen fließen, greift Indiens Parallelwirtschaft
kräftig mit zu: Korrupte Lokalhelden schröpfen am Geldsegen der
Zentralregierung und die nun landlosen Bauernfamilien überleben im
besten Falle einige Jahre.
Proteste gibt es auf dem ganzen Subkontinent, doch gerade im
Bundesstaat mit linker Tradition, dem Hammer und Sichel an jeder
zweiten Hauswand gesprüht, und einer lebendigen Streikgesellschaft
durch Gewerkschaftsangehörige und Parteikader, erzürnt diese Politik
die Gemüter. Die Zentralregierung in Delhi hat mindestens 285 SEZs für
ganz Indien angekündigt. 8 bestehende Freihandelszonen werden
umgewandelt. Obwohl sämtliche Politiker betonen, dass keine
Zwangsenteignungen stattfinden, und eine Opposition nur durch
linksextreme Organisationen gebildet wird (siehe unten: Naxaliten), ist
nicht immer klar, wer letztendlich den Zuspruch erteilt, Haus und Hof
für eine befristete Kompensationszahlung aufzugeben.
Nandigram soll 35000 acres Land an die indonesischen Salim Gruppe Land
abtreten. Diese plant eine Reihe von ambitionierten Projekten, wie die
Errichtung einer Chemiefabrik und die Konstruktion einer Autobahn. Im
Streit zwischen Dorfaktivisten, welche eine Räumung der Gebiete um
jeden Preis verhindern wollen und staatlicher Exekutive, welche nicht
mit polizeilicher Autorität, sondern oft auch mit schlagenden
Parteimitgliedern agiert, eskalierte die Situation bereits Anfang
Januar.
Bis zum 14.3. blieb das Gebiet isoliert für Regierungsbehörden.
Aktivisten der selbst ernannten Opposition vor Ort kontrollierte n den
Weg in das Gebiet mit Strassenunterbrechungen, Brückendemontagen und
Barrikaden. Der Zusammenstoß ähnelte Berichten zufolge einem kleinen
Bürgerkrieg. Beim Eindringen stießen die Einheiten auf erbitterten
Widerstand mehrerer Aktivisten. Mit Frauen und Kindern als menschliche
Schutzschilder sammelten sich Unzählige zum bewaffneten Kampf mit
Sicheln, Ruten und Sensen. Einige seien auch mit selbstgebauten
Sprengsätzen und weiteren Feuerwaffen ausgestattet gewesen. Die Polizei
antwortete nach erfolglosem Einsatz von Tränengas und Gummikugeln mit
scharfer Munition.
Doch gleich wer Verantwortung trägt, es fielen binnen Stunden Kritiker
vom Himmel. West Bengalens Gouverneur Gopal Krishna Gandhi,
Repräsentant der Zentralregierung, sprach von "blankem Horror", welcher
zu vermeiden gewesen wäre. Koalitionspartner der regierenden Communist
Party of India - Marxists (CPM) innerhalb der Linksfront distanzierten
sich von den Ereignissen und ein Sprecher der Revolutionären
Sozialistischen Partei (RSP) befürchtete gar den Imageschaden der
bauernnahen Linksparteien. Klassische Oppositionsparteien in der
Landesversammlung, wie die hindunationalistische Bharatiya Janata Party
(BJP) und der Trinamool Congress forderten die Verhängung des
Presidents Rule, welches eine Amtsenthebung der Landesregierung und
übergangsweise Führung des Landes durch die Zentralregierung folgern
würde.
Doch trotz wiederholender Bekenntnisse der Landesregierung und
indienweiten CPM Kadern, der Einsatz der Truppen wäre gerechtfertigt
und ein Akt der Selbstverteidigung, trotz massiver Kritik von
Bürgerrechtsgruppen ist die politische Elite in der von der
Kongress-Partei geführten Zentralregierung (UPA - United Progressive
Alliance) in einer misslichen Lage. Inwieweit sind die ideologischen
Feinde dafür zu bestrafen, dass eigene liberale Wirtschaftskonzepte und
-projekte von Arbeiterparteien umgesetzt werden.
Eine anfänglich unabhängige Untersuchung der Vorfälle vom 14. März
durch Indiens Bundespolizei CBI (Central Bureau of Investigation) wurde
jüngst durch den High Court Kolkata abgesetzt. Nach umso geballter
Medienkritik der letzten Tage, die politische Führung hätte die
gewaltsame Beseitigung der Aktivisten geplant, folgte selbst die
Schelte durch den Parteiveteranen und jahrzehntelangen Führer des
Landes Jyoti Basu.
Weniger überraschend kommt also das Statement des jetzigen
Chefministers Buddhadeb Bhattacharjee zwei Wochen nach den Vorfällen:
Das Projekt in Nandigram wird abgesetzt. Bhattacharjee übernimmt
persönlich die Verantwortung für die Gewaltausbrüche. Ein Rücktritt ist
jedoch erstmals nicht in Sicht.
Das Projekt der indonesischen Salim Gruppe ist auf Eis gelegt. Doch ist
es nur eine Frage der Zeit bis zur Realisierung an geeigneter Stelle.
Ebenso kollidieren im Moment an zahlreichen anderen Orten der indischen
Union Bauern auf Staatsmacht. 285 Sonderwirtschaftszonen gilt es
umzusetzen.
Bekannte Ängste leben auf
Nicht ganz 40 Jahre ist es her, dass 9 Stammesangehörige in einem Ort
nahe Darjeeling aufgrund eines Landstreites im Kugelhagel der Polizei
umkamen. Naxalbari, Namenspatron für einen revolutionären Terror,
welcher selbst in neuerer Zeit neuen Aufschwung erhält, war Keimzelle
des damaligen blutigen Aufstandes. Bauern bewaffneten sich und begannen
die Naxaliten-Bewegung, eine maoistische Abspaltung der Communist Party
of India (Marxisten), welche als einzige Lösung die Vernichtung des
"Klassenfeindes" vorsah. Als einzige revolutionäre Opposition war die
gewaltsame Enteignung der Landlords, meist noch aus britischer Zeit,
die Strategie.
Interessanterweise fand die revolutionäre Idee gerade bei der künftigen
Elite Anklang. So erklärten Studenten der Jadavpur University und
Presidency College in Calcutta umgehend ihre Solidarität und begannen,
vom Campus ausgehend, den bewaffneten Widerstand gegen das
Establishment.
Der Aufstand wurde innerhalb weniger Monate blutig niedergeschlagen.
Bis heute haben sich nach diesem Vorbild in vielen unterentwickelten
Gebieten Indiens ähnliche Verbände organisiert. Morde, Erpressung und
Kontrolle ganzer Landstriche stehen im Namen der Revolution im
Vordergrund. Auch in West-Bengalen wo die kommunistische Regierung seit
Machtantritt in den 70ern durch Landreformen, das Vertrauen der
Mittelklasse wieder gewann, hielten sich im Laufe der Jahrzehnte die
Naxaliten dennoch über Wasser.
In Zeiten des politischen Vakuums sind es diese Kräfte, die zusammen
mit Gewerkschaften und maroden Strukturen der vergessenen
kommunistischen Kader auf dem Lande, in unterentwickelten Gebieten dem
Kapitalismus den Krieg erklären. Zurzeit beziffert man 50% aller
indischen Distrikte, als Orte mit Naxaliten-Einfluss. Im Zuge der
Errichtung von Sonderwirtschaftszonen ist diese Tendenz steigend.
Jüngst bezeichnete Premierminister Manmohan Singh sie als größte
Bedrohung der inneren Sicherheit seit der Unabhängigkeit Indiens.
Pawan Singh, Sohn von Dhaneshwari Devi, einer damals in Naxalbari
umgekommen Demonstrantin findet darauf klare, aber beängstigende Worte.
"Demonstrationen, Streik und Versammlungen sind nutzlos. Es gibt nur
einen Weg - Erhebt die Waffen und beginnt den Guerilla Aufstand".
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